Am ersten Februarwochenende durfte ich an einem Auswahlseminar teilnehmen. Es war für Studienanfänger bestimmt, die von ihrer Schule für die Studienstiftung des deutschen Volkes vorgeschlagen worden sind.

Das Seminar begann am Freitag um 18.00 direkt mit dem Abendessen. Danach stellte sich die Auswahlkommission und die Studienstiftung – vertreten durch die Vorsitzende – vor. Die Jury bestand aus Akademikern aller Fachrichtungen, von einem Geophysiker über einen Mediziner von der Charité bis hin zu einer Linguistin war wirklich alles dabei.

Das Verfahren

Das Semniar funktioniert so: Jeder Anwärter bereitet einen 7-minütigen Vortrag vor, nach dessen Vortrag er eine 13-minütige Diskussion zu leiten hat. Dazu werden Gruppen von ca. sechs Vortragenden gebildet, die je von einem Juror begleitet werden. Im Verlauf des Samstags werden dann reihum in diesen Gruppen die Vorträge gehalten.

Außerdem führt jeder mit je zwei Juroren ein Einzelgespräch.

Während des Seminars hat man also Kontakt mit drei Kommissionsmitgliedern. Diese entscheiden dann auch über die Aufnahme. Um angenommen zu werden muss zwei der drei überzeugen. Die Annahmequote beträge rund ein Viertel teilte uns die Vorsitzende mit.

Beobachtungen außerhalb der angesetzten Beurteilungstermine finden nicht statt. Das heißt natürlich nicht, dass man den Mitgliedern der Kommission nicht außerhalb des Verfahrens begegnen kann. Dann sollte man sich natürlich respektvoll verhalten. Auch Juroren sind nur Menschen.

Der Ort

Mein Auswahlseminar fand im Hotel Morgenröte im Berliner Statteil Lichterfelde Ost statt. Wir Kandidaten haben je zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer übernachtet. Das Hotel war sehr christlich angehaucht. Vor unserem Zimmer war eine Bibel in einem Glaskasten ausgestellt. Die Seminarräume trugen teils Namen wie »Jubilate«.

Das Hotel hatte Charme und war teils in einem restaurierten Klostergebäude eingerichet.

Komisch war, dass die meisten Anwärter aus der Region Leipzig-Halle angereist waren. Von den 49 Teilnehmer*innen studierte genau eine in Berlin, dazu kamen rund 12 Potsdamer*innen.

Die Gruppenrunden

Ich hatte einen Vortrag vorbreitet, der den Titel »Open Source and beyond« trug. Dabei wollte ich eine Diskussion über analoge Bewegungen in anderen Bereichen anregen. So hatte ich z. B. gehofft, der Lehramtsstudent aus meiner Gruppe könne Beitrage zum Thema Open Educational Resources machen.

Am Freitag abend erfuhren wir direkt nach der Ankunft die Gruppenzusammensetzung inklusive der jeweiligen Fachrichtungen der Mitglieder. Bevor am Samstag die Vorträge gehalten wurden, hatten wir also die Chance unsere Hintergrundwissen für die Diskussionsrunden zu verbessern. So habe ich konkrete Anwendugen der Open Source-Philosophie in den Fachbereichen jedes Gruppenmitglieds recherchiert.

Die Themen der anderen Kandidaten meiner Gruppe gingen weit auseinander. Es gab Vorträge zu einer schwedischen Gefängnisinsel, zum Zustand der Deutschen Bahn und zu Tierrechen, um ein paar Beispiele zu nennen. Dabei war nicht bei allen Vorträgen ein Zusammenhang zum Studienfach zu erkennen. Ich denke das ist auch gar nicht notwendig. Wichtig ist nur, dass man genügend Wissen – auch über den Inhalt des Vortrages hinaus – besitzt um die Diskussion zu lenken, Input zu geben, wenn sie stecken bleibt und um auf Rückfragen zu reagieren.

Dabei muss man nicht unbedingt ein großes politisches Thema wählen und darüber diskutieren lassen, wie man die Welt verbessern kann. Der beste Vortrag, den ich gehört habe, war unglaublich witzig. (Das Kommissionsmitglied hat am lautesten gelacht.)

Für die Auswahl zählt aber nicht nur der eigene Vortrag, sondern auch die Leistung in den Diskussionsrunden der anderen Vortragenden. So sollte man natürlich versuchen sich in jede Diskussion einzubringen und dabei höflich, respektvoll und sachlich zu sein.

Die Einzelgespräche

Rechnerisch wichtiger für die Auswahl sind natürlich die Einzelgespräche. Man hat je eins am Samstag und eins am Sonntag vor der Abreise.

Meine beiden Gespräche waren sehr unterschiedlich. Beim ersten hatte ich ein sehr gutes Gefühl danach. Die Jurorin war Geisteswissenschaftlerin und hatte sich sehr gut auf das Gespräch vorbereitet. Sie wusste quasi alles aus meinen eingereichten Unterlagen und hatte sich eine Reihe von Anknüpfungspunkten vorbereitet. Sie hat tolle Fragen gestellt, die versucht haben einen Transfer aus meinen jetzigen Erfahrungen zu größeren (oft gesellschaftlichen) Herausforderungen herzustellen. Außerdem spielten meine Studienfachwahl und meine Vorstellungen von der Zukunft eine große Rolle.

Mein zweites Gespräch dagegen verlief ganz anders. Ich habe in der neunten Klasse ein Praktikum bei der Tafel in meiner Heimatstadt Rostock absolviert. Das ist nun gut vier Jahre her. Natürlich war dieses Praktikum in meinem vollständigen Lebenslauf vermerkt. Der Juror konzentrierte sich fast die gesamten 20 Minuten des Gesprächs auf Themen, die mit der Tafel zu tun haben, wie z. B. Essensverschwendung und die Vorkommnisse bei der Essener Tafel. Ein Thema, das mehr in meiner Vergangenheit liegt, hätte man sich kaum aussuchen können. Ob das nun Absicht war, um zu sehen, wie ich darauf reagiere aus dem Konzept gebracht zu werden oder etwas anderes, darüber lässt sich nur spekulieren. Auf jeden Fall ging ich aus diesem Gespräch mit einem deutlich schlechteren Gefühl.

Von den anderen habe ich ganz unterschiedliche Sachen über ihre Gespräche gehört. Bei einigen ging es wohl nur um aktuelle politische Themen, andere haben angeblich nur ihren Lebenslauf herunterbeten müssen, um die beiden Extreme zu nennen. Ich kann mich glücklich schätzen, dass meine Erlebnisse irgendwo dazwischen lagen. Das war aber anscheinend die Regel: Der Lebenslauf als Aufhänger für eine weiterführende Diskussion irgendeiner Art.

Ich glaube man kann sich auf die Gespräche kaum vorbereiten. Wenn man in den eingereichten Unterlagen kein falsches Bild von sich vermittelt hat, kann es da kaum zu unangenehmen Situationen kommen. Diese dienen den Juroren als Einstiegspunkte. Man sollte also darauf gefasst sein, dass jedes Thema daraus angesprochen werden kann.

Zusammenfassung

Alles in allem war das Seminar deutlich angenehmer als erwartet. Es herrschte im Allgemeinen keine Prüfungsatmosphäre auch nicht in den eigentlichen »Prüfungssituationen«.

Ich habe übrigens absichtlich bis jetzt nicht gesagt, ob ich angenommen wurde oder nicht, um euch meinen Bericht so unvoreingenommen wie möglich lesen zu lassen. Damit wollte ich Surviorship Bias vermeiden. Nur weil etwas bei mir geklappt oder eben nicht geklappt hat, heißt das lange nicht, dass es bei euch die gleiche Wirkung hat oder überhaupt eine Rolle gespielt hat. Leider gibt es kein differenziertes Feedback. Ich weiß noch nicht einmal, welcher der Juroren für oder gegen mich gestimmt hat.

Wenn ihr diesen Beitrag lest, werdet ihr vermutlich bald in einer ähnlichen Situation sein. Ich drücke euch ganz doll die Daumen.

Falls noch Fragen ungeklärt seien sollten: Meine Kontaktdaten stehen hier.